Von Kollektengroschen und Fußbädern

Zum Liturgica-Bestand der Ratsschulbibliothek, der durch Neuerwerbungen ständig ergänzt und erweitert wird, zählt auch eine große Zahl protestantischer Gesangbücher vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

In ihrer Gesamtheit dokumentieren sie die Entwicklung des Gemeindegesangs in Deutschland einerseits, sind aber aufgrund ihrer vielfachen Verwendung als Hausbuch genauso für mentalitätsgeschichtliche wie genealogische Fragestellungen von besonderem Interesse. Als Gebrauchsgegenstand und unverzichtbarer Teil der religiösen Alltagskultur bieten Gesangbücher Momentaufnahmen aus dem Leben ihrer Besitzer: handschriftliche Einträge stellen nicht nur Liedergänzungen dar und dokumentieren regionale Sonderformen der Gesangspraxis, auf den Leerseiten finden sich auch häufig die ersten ungelenken Schreibversuche der vielfach noch jungen Besitzer, Porträts und Zeichnungen von Alltagssituationen bis hin zu manch derber Schmiererei unsittlichen Inhalts. Mindestens ebenso zahlreich sind gegenständliche Einlagen - gepresste Pflanzenteile, Einkaufslisten, Bonbonpapier...

Ein Exemplar (RSB Sign. 55.7.25) des "Dresdenischen Gesangbuches" (diese Ausgabe um 1820 gedruckt) aus dem Besitz der Familie des Johann Michael Schuster aus Korna/Arnoldsgrün (heute Schöneck/Vogtl.) war wohl bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch, zumindest lässt die zwischen defektes Titelblatt und nachfolgendes Inhaltsverzeichnis eingelegte und heute mit der nachfolgenden Seite fest verbundene Zehn-Pfennig-Münze aus dem Jahr 1910 diesen Schluss zu.

Sicher sollte die Kleinmünze als sprichwörtlicher Kollektengroschen beim Gottesdienst im Klingelbeutel landen, verblieb stattdessen aber an ihrem Ort - vielleicht um nach dem Kirchgang doch besser „leibliche" Bedürfnisse ihres Besitzers zu befriedigen. Oder sollte davon das auf dem hinteren fliegenden Blatt des Gesangbuches zur Gedächtnisstütze notierte Fußbad ("Saltrat Rodell") käuflich erworben werden...? 

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